Verzeih mir, Mutter

Verzeih mir, liebe Mutter, dass ich nicht so bin, wie du es dir gewünscht hast.

Verzeih mir, liebe Mutter, dass ich nicht den Weg gehe, den du für mich bestimmt hast.

Verzeih mir, liebe Mutter, dass du dir immer Sorgen um mich machst.

Verzeih mir, dass ich so lebendig und neugierig bin.

Verzeih mir, dass du dich nicht mir schmücken kannst.

Verzeih mir, dass du so viele Ängste ausstehen musst wegen mir.

 

Ich bin schon groß und lebe meine eigenes Leben

Ich verzeihe dir, dass du mich nicht so annehmen kannst wie ich bin.

Denn auch dich hat deine eigene Mutter immer als anders betitelt. Du kannst als kleines Mädchen deine Neugierde nicht ausleben, denn es schickt sich nicht. Du hast immer so gern gegessen und alle haben dich belächelt, aber ich kann verstehen, dass ein wacher Geist und ein Kind voller Energie eben viel Nahrung braucht.

Mit zwölf Jahren hast du bereits deine Mitgift gesammelt, weil du schöne Dinge liebst. Löffelchen, Stoffe und Tischdeckchen stapeln sich in deinem Zimmer, aber deine Mutter und viele andere haben deine Begabung und deine Leidenschaft nicht erkannt. So war das eben in der DDR. Man passte sich an und schwimmt mit dem Strom.

Aber weder du noch deine eigene Mutter sind Menschen, die die Norm aushalten und ihr gebt eure Frustration über nicht gelebte Leidenschaften an eure eigenen Kinder weiter.

Du studierst Maschinenbau, obwohl deine Begabung und dein Herzblut ganz woanders liegen und weil die Aussichten für die Zukunft besser  sind.

Dennoch gibt es Nischen, die du nutzt. Dein wildes Herz sehnt sich nach Freiheit und Abenteuer. An der Universität betreust du ausländische Studenten und pflegst Brieffreundschaften über Jahrzehnte lang.

Dann kommen die Kinder dazwischen. Ich bin dein allererstes Glück, aber du lebst in einer unglücklichen Beziehung und versucht dich zu befreien. Bis du es eines Tages schaffst.

Dein neuer Mann unterstützt dich und bald folgen zwei weitere Kinder. Du gibst uns widerwillig schon mit 6 Monaten in die Krippe. Das war so üblich in der DDR. Deine Freundin landet wegen Arbeitsbummelei im Gefängnis und muss ihr Kind zur Adoption freigeben. Deine soziale Ader zerbricht fast an dieser Ungerechtigkeit, aber um dich aufzulehnen fehlt dir der Mut.

Irgendwann haben du und dein Mann es satt. Mit drei Kindern flüchtet ihr aus der DDR in ein völlig neues System. Ihr lasst gebrochene Herzen zurück und vor allem eure Eltern, die eure Entscheidung nicht nachvollziehen können und euch vielleicht nie wieder sehen.

Wut, Angst und Vorwürfe werden laut. Aber ihr beschliesst euer Leben zu leben.

Als Enkelin deiner Mutter höre ich noch heute die Worte deiner Eltern, die ständig an dir rum zetern. Willst auch du das deinen Enkeln antun?

Es ist eine Zerreissprobe für die ganze Familie.

Dennoch ist es noch nicht dein Leben. Du hast Glück, dein Mann lässt sich auf viele Abenteuer mit dir ein. Obwohl du dich beruflich nicht verwirklichen kannst, lebst du im exotischem Indien, in den Freiheit versprechenden USA und in dem wilden Mexiko.

Deine Kinder sind groß und glaube mir, sie haben viel von dir gelernt. Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist meinen eigenen Weg zu gehen und offen zu sein. 

Auch wenn du meinen Weg nicht verstehst, wünsche ich mir von dir Vertrauen. So wie du es dir von deiner eigenen Mutter immer gewünscht hast.

 

Vertraue mir als Mutter

Anstatt dich über mich zu ärgern, dich zu änstigen oder mir Vorwürfe zu machen, solltest du stolz auf mich sein.

Ich beschreite, genau wie du und auch wie deine Mutter neue Wege. Ich bin genauso mutig wie du und sie.

Mein Wunsch im Einklang mit der Natur zu leben und mit meinen Kinder so viel Zeit wie möglich zu verbringen, sollte dich stolz machen, denn insgeheim hast du dir auch mehr Zeit mit uns gewünscht.

Was ist so falsch daran, meine Kinder vor den Erwartungshaltungen anderer, vor Leistungsdruck, einer Ellenbogengesellschaft und Konkurrenzdenken zu schützen und ihnen andere Wege aufzuzeigen. Wege von Gemeinschaft und Zusammenhalten, von einem Leben im Einklang mit der Natur und ihnen beizubringen, wie sie am besten die begrenzten Ressourcen unserer Erde nutzen, ohne sie zerstören.

Ich will sie gesund ernähren und sie auf das Leid der Tiere, die sie bei dir essen aufmerksam machen. Es gibt schon seit langem Studien, die belegen, dass Fleisch „Genuss“ nicht gesund ist.

Mein Ziel ist es, diesen Planeten für meine Kinder und meine Enkelkinder und alle die da noch kommen wollen zu erhalten. 

Ich will, dass sie auf ihren Körper achten und ihn mit Respekt behandeln. Ich versuche ihnen beizubringen, dass sie so wie sie sind, großartig sind. Sie haben unterschiedliche Talente und auch wir haben Auseinandersetzungen, in denen wir laut streiten. Das lässt uns wachsen. Meine Kinder haben mir beigebracht auf sie zu hören, denn oft haben sie recht und wenn ich genau hinhöre und etwas ändere, dann leben wir harmonisch.

Jeder hat das Recht seinem Herzen folgen zu dürfen. Oft ärgere ich mich noch über alte Muster, die in mir stecken, aber seit ich meinem Herzensweg folge bin ich glücklicher und freier.

 

Habe den Mut für mich und für meine Geschwister einzustehen. Zeige der ganzen Welt voller Stolz, dass deine Kinder den Mut und den Willen haben, die Welt ein wenig besser zu machen. Das wir unserem Herzensweg folgen, auch wenn ihn keiner versteht, insbesondere die eigene Familie nicht.

Ich wünsche mir von dir den Mut und das Vertrauen an mich, meine Kinder, meine Ideen und meinen Herzensweg zu glauben.

Und vielleicht ein wenig Liebe.

Verzeih mir, aber verlange nicht von mir mich zu verbiegen. Denn das werde ich nicht mehr tun.

 

Danke für den einen kurzen Moment im letzen Jahr, als ich wirkliche Freude in deinem Gesicht sah.

Freude, MICH Wiederzusehen.

 

Deine Tochter